20.05.14, 08:36 Uhr, Alter: 4 Jahre

Studienreise der neunten und zehnten Klassen nach Krakau und Auschwitz-Birkenau

Aus der Sicht einer Mutter

An einem Elternabend in der Klasse meiner Tochter wurde durch den Klassenlehrer Herr Paulini ein Geschichtsprojekt in Verbindung mit einer Studienreise nach Auschwitz-Birkenau und Krakau vorgestellt. Als ich hörte, dass auch interessierte Eltern mitfahren können, war ich sofort begeistert. Wie viel habe ich bereits über Konzentrationslager und Ghettos gehört, wie oft habe ich in meinen Vorträgen Menschen zitiert, die von ihren Erlebnissen und Erfahrungen aus dieser Zeit berichten. Ich selbst gehöre zu den Nachkriegskindern. Mein Vater war in Gefangenschaft in Frankreich und meine Mutter hat schlimme Zeiten im Internierungslager erlebt, als sie aus dem ehemaligen Sudentenland vertrieben wurde. So habe ich manche Geschichte live gehört und vieles wurde nicht berichtet, weil es wohl unaussprechlich war. Nun bestand die Möglichkeit noch mehr Wissen über diese dunkle Geschichte unseres Landes vermittelt zu bekommen und ein Stück weit vor Ort den Geschichten nach zu spüren.

Wie fühlt es sich an, wenn man direkt am Ort des Geschehens steht? Vor einer Gaskammer. Wenn man die Tonnen von echten Haaren sieht. Die unzähligen Koffer, groß mit Namen und Adressen beschriftet. Meine Mutter hatte bis zum Schluss ihren Koffer von damals, den einen Koffer, der gepackt werden durfte, unter ihrem Bett.

Neben meinem Interesse mitzufahren tauchten Fragen auf, wieWill ich mit einer Gruppe reisen? Mich ständig dem Tempo und dem Zeitplan anpassen?

Eine Patientin, die Lehrerin ist, war voller Zweifel: „Kann das denn gut gehen, wenn du mit deiner Tochter zusammen dabei bist? Meinst du, das funktioniert?“ Meine Tochter und ich hatten jedoch keinerlei Bedenken. Wir trafen ein paar Absprachen und waren ganz zuversichtlich. Und was die Gruppe anging, da war ich bereit Kompromisse zu machen. Ich sah auf jeden Fall meine Chance nach Auschwitz zu kommen, wo ich sonst alleine nicht hinfahren würde.

Der Klassenlehrer wies mich auf die Kompaktheit der Studienreise hin. Gleich am Ankunftstag eine dreistündige Stadtführung durch Krakau. Der zweite Tag Auschwitz – Birkenau und der Bericht einer Zeitzeugin. Am letzten Tag eine Führung durch das Jüdische Viertel und Besuch des Schindler-Museums. Das schreckte mich aber nicht. Im Gegenteil: ich war interessiert viel zu sehen. Deshalb wollte ich ja mitfahren. Und so kam es dann.

Auf nach Polen. Dzień dobry. (Gesprochen: dschin dopre = Guten Tag!)

Als bei der Ankunft unser Hostel nicht mehr existierte und geklärt werden musste, wo wir nun hinkönnen, war ich froh, dass ich so flexibel bin. Es fand sich dann auch alles. Das heißt, es war gleich die nächste Flexibilität angesagt, denn die Zimmer waren nicht direkt bezugsfertig. Wir durften sofort einen Stadtspaziergang antreten. Der führte mich zusammen mit dem Klassenlehrer Herr Paulini, dem Sozialpädagogen Matthias Sondermann und der Museumspädagogin Frederike Rust auf ein Schiff auf der Weichsel. Herr Paulini spendierte uns einen Kaffee und sagte: “Herzlich Willkommen in Krakau! Schön, dass ihr dabei seid!“ Das war eine schöne Willkommensgeste und machte es mir leichter zu dem bestehenden Team dazuzugehören. Später stellte sich für mich auch ein Durcheinander mit „Sie“ und „Du“ ein, da sich die drei selbstverständlich duzten und ich kam immer mehr mit der Anrede durcheinander. In der lockeren Runde kein Problem, das ich auf Du umstellte. Gut, dass man drüber geredet hat.

Als wir dann die Zimmer beziehen konnten, stellte sich heraus, dass weiterhin ein bisschen Abenteuerlust gefragt ist. Es waren für die Erwachsenen nicht genug Einzelzimmer da und für die Großgruppe zwei Bäder mit insgesamt vier Duschen und drei Toiletten. Nach anfänglichem Entsetzen fügte sich auch das wunderbar. Ich war begeistert, wie die Gruppe, zusammengewürfelt aus mehreren Klassen, sich arrangiert hat. Es lief alles reibungslos, ohne großes Gezeter. Schön war auch zu sehen, wie Lehrer, Sozial-Arbeiter und Museumspädagogin respektiert wurden. Alles lief ohne Probleme. Auch der Lärmpegel hielt sich in Grenzen. Ich konnte es gut ausblenden. Und meckern wollte ich ja auf keinen Fall. „Die uncoole Mutter“, wollte ich nun wirklich nicht spielen.

Die Führungen waren sehr gut. Bei drei von vier Führungen hatten wir zwei sehr kompetente Frauen, die uns klar, lebendig und mit Herz ganz viele Informationen rüberbrachten. Bei diesen Führungen habe ich die Gruppe oft von hinten gesehen und rannte hinterher. Warum? Ich wollte gerne Fotos machen, an dem einen oder anderem Ort noch ein bisschen länger verweilen, wirken lassen - da ging es aber schon weiter. Wie waren meine anfänglichen Überlegungen zur Gruppe? O.k., dass gehört nun dazu. Also schnell. Hinterher.

Am meisten hat mich die Zeitzeugin Lydia, 74 Jahre alt, ein ehemaliges Lagerkind, beindruckt. Mein Eindruck war, dass es auch den meisten Schülern so erging. Das Lagergelände erinnerte manchen an Filmkulissen, aber der Zeitzeugin gelang es, uns die Lagerrealität lebendig vor Augen zu führen und auch das Leben danach deutlich zu schildern.

Dabei konnte man schon Gänsehaut bekommen und Tränen in die Augen. Die Frau hat keinen Hass mehr gegen die Deutschen, sagt sie. Der würde jetzt ja gegen die Falschen gehen und ihr selbst täte er auch nicht gut. Sie würde nie vergessen, sich immer erinnern und zeigte uns dabei ihre Nummer am linken Unterarm. Aber sie habe vergeben. Puh – das sind große Worte. Die sollte man sich öfters zu Herzen nehmen.

Dziękuję. (gesprochen: dschjäkujä = Danke!)

Mit vielen, vielen unterschiedlichen Eindrücken bin ich wieder in Bielefeld angekommen. Immer wieder tauchen Bilder vor meinem inneren Auge auf, Gedanken dazu, Gefühle. Ich bin sehr froh, dass ich mitgefahren bin. Ich bin dankbar, dass es möglich war mit zu kommen, dass es mit meinem Kind reibungslos geklappt hat und dass die gesamten SchülerInnen mich als Mutter nicht wie eine Außerirdische behandelt haben.

Do widzenia.  (gesprochen: do widsenia =Auf Wiedershen!)

Silvia Rößler