1909 –1920: Rektor Lienenklaus

Lehrerzimmer: „Insbesondere wollen wir darauf bedacht sein, wie es einem rechten Lehrer vor allem geziemt, wahre Gottesfurcht, Vaterlandsliebe und Königstreue in den Herzen der Kinder zu hegen und zu pflegen.“

(aus der Festrede von Schulleiter Heinrich Lienenklaus)
Blick auf die Luisenschule

„Das Jahr 1909 ist für unsere Schule ein Freudenjahr, denn endlich bekommt sie einen neuen Namen und ein neues Kleid.“

Es heißt, dass in jedem Ende bereits immer auch ein Anfang liegt. Betrachtet man die Anfänge der Luisenschule im Jahr 1909, mag dies sogar zutreffen, beginnt deren nunmehr 100jährige Geschichte doch mit einem Abschied. Bereits am Morgen des 22. Oktober versammelten sich Lehrkräfte und Schülerinnen der I Bürger-Mädchenschule im „Rosenhof“ an der Kreuzstraße. Es sollte das letzte Mal gewesen sein und gleichzeitig ein würdiger Abschied von einer langjährigen Bielefelder Schultradition. Seit 1834 hatte die Stadt Bielefeld das Gebäude für Schulzwecke genutzt. Zum Schluss war der Platzmangel jedoch auch für die Stadtobersten nicht mehr hinnehmbar. Die Bürger-Mädchenschule, die bereits seit 1904 nach den Plänen der Mittelschule unterrichtete, sollte demnach für 292.500 Mark einen Neubau an der Paulusstraße bekommen. Im Juli 1908 wurde mit dem Bau begonnen und nach nur 15 Monaten Bauzeit war dieser bezugsfertig.

Mit jenem feierlichen Umzug von der vertrauten Schulumgebung ins neue Schulgebäude galt es nun Abschied zu nehmen. „Was nehmen wir mit? Was lassen wir zurück?“, regte Lehrer Niedeck seine Schützlinge an diesem Morgen zum Nachdenken an. Eltern, Freunde und Gönner der Mädchenschule hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Turnhalle des neuen Gebäudes, die wie heute auch damals schon als Aula diente, eingefunden, um den Festzug aus Schülerinnen und Lehrern zu empfangen. Dort angekommen wandte sich Rektor Lienenklaus dem Publikum mit einer Ansprache zu. Erst kurz zuvor hatte Bürgermeister Dr. Stapenhorst den Anwesenden mitgeteilt, dass sich die neue Mittelschule in Anlehnung an die Gemahlin des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III nun

offiziell „Luisenschule“ nennen darf. „Wir dürfen uns forthin Luisenschule nennen, nach der einstigen unvergesslichen Königin, die in schwerer Zeit nicht nur ihren gebeugten Gemahl aufgerichtet, sondern das ganze Volk zu großen Taten, zum Freiheitskampf begeistert hat. Dieser Name soll uns fortan eine große Mahnung sein, unser edles Fürstenhaus, unser teures Vaterland mit herzlicher Liebe zu umfassen.“, so der stolze Schulleiter: „Heute nun haben wir unseren Aschenbrödelkittel ausgezogen (…) und ich habe mit Freuden vorhin bemerkt, wie die Augen der Kinder leuchteten und wie ein leises „Ah!“ dem Munde entfuhr.“ Auf einem Festakt fünfzig Jahre später erinnerte sich die ehemalige Schülerin Wilhelmine Koch an den Moment, als das Umzugsgefolge das neue Schulgebäude an der Paulusstraße betrat: „Wie staunten wir über die hellen, freundlichen Klassenzimmer und über die damals modernen Einrichtungen.

Von den 24 neu geschaffenen Klassenzimmern an der Paulusstraße nutzte die Luisenschule anfänglich lediglich 18 Räume, in den übrigen sechs Zimmern waren Klassen der Knabenmittelschule untergebracht. Bis zur Schwelle zum Ersten Weltkrieg erfuhr die Luisenschule, wie übrigens auch alle anderen Mittelschulen in Deutschland, einen immensen Aufschwung. Ihre Bedeutung für das kaufmännische und gewerbetreibende Bürgertum wuchs stetig, sodass die Schulform den Bedürfnissen der neuen Arbeitswelt angepasst werden musste. Neben dem allgemeinen Lehrplan mit Fächern wie Deutsch, Rechnen, Naturbeschreibung, Naturlehre, Geographie, Geschichte, Zeichnen, Gesang, Turnen und einer Fremdsprache wurden vier weitere Fächer eingeführt, die sich deutlich mehr an der Berufswahl der Schüler orientierten. Mit der Einführung der vierjährigen Grundschule in der Weimarer Republik erlebte die Mittelschule als Schulform erneut eine weitere grundlegende strukturelle Veränderung, welche die Abschaffung der Vorklassen zur Folge hatte.