Studienreise neunte Klasse

Aus der Sicht einer Mutter

An einem Elternabend in der Klasse meiner Tochter wurde durch den Klassenlehrer Herr Paulini ein Geschichtsprojekt in Verbindung mit einer Studienreise nach Auschwitz-Birkenau und Krakau vorgestellt. Als ich hörte, dass auch interessierte Eltern mitfahren können, war ich sofort begeistert. Wie viel habe ich bereits über Konzentrationslager und Ghettos gehört, wie oft habe ich in meinen Vorträgen Menschen zitiert, die von ihren Erlebnissen und Erfahrungen aus dieser Zeit berichten. Ich selbst gehöre zu den Nachkriegskindern. Mein Vater war in Gefangenschaft in Frankreich und meine Mutter hat schlimme Zeiten im Internierungslager erlebt, als sie aus dem ehemaligen Sudentenland vertrieben wurde. So habe ich manche Geschichte live gehört und vieles wurde nicht berichtet, weil es wohl unaussprechlich war. Nun bestand die Möglichkeit noch mehr Wissen über diese dunkle Geschichte unseres Landes vermittelt zu bekommen und ein Stück weit vor Ort den Geschichten nach zu spüren.

Wie fühlt es sich an, wenn man direkt am Ort des Geschehens steht? Vor einer Gaskammer. Wenn man die Tonnen von echten Haaren sieht. Die unzähligen Koffer, groß mit Namen und Adressen beschriftet. Meine Mutter hatte bis zum Schluss ihren Koffer von damals, den einen Koffer, der gepackt werden durfte, unter ihrem Bett.

Neben meinem Interesse mitzufahren tauchten Fragen auf, wieWill ich mit einer Gruppe reisen? Mich ständig dem Tempo und dem Zeitplan anpassen?

Eine Patientin, die Lehrerin ist, war voller Zweifel: „Kann das denn gut gehen, wenn du mit deiner Tochter zusammen dabei bist? Meinst du, das funktioniert?“ Meine Tochter und ich hatten jedoch keinerlei Bedenken. Wir trafen ein paar Absprachen und waren ganz zuversichtlich. Und was die Gruppe anging, da war ich bereit Kompromisse zu machen. Ich sah auf jeden Fall meine Chance nach Auschwitz zu kommen, wo ich sonst alleine nicht hinfahren würde.

Der Klassenlehrer wies mich auf die Kompaktheit der Studienreise hin. Gleich am Ankunftstag eine dreistündige Stadtführung durch Krakau. Der zweite Tag Auschwitz – Birkenau und der Bericht einer Zeitzeugin. Am letzten Tag eine Führung durch das Jüdische Viertel und Besuch des Schindler-Museums. Das schreckte mich aber nicht. Im Gegenteil: ich war interessiert viel zu sehen. Deshalb wollte ich ja mitfahren. Und so kam es dann.

Auf nach Polen. Dzień dobry. (Gesprochen: dschin dopre = Guten Tag!)

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